Studie Fahrradklau in Deutschland, Österreich, Schweiz: Meiste Diebstähle in Münster, Bern, Basel, Bremen, Lübeck, Magdeburg

Top-60-Städte-Studie belegt: Kleinkriminalität trotz vieler Arbeitsloser nicht höher

Der Sommer ist vorbei und wie jedes Jahr, so auch dieses: Tausende Fahrräder sind entwendet worden. Grund genug für das Verbraucherportal geld.de einmal zu untersuchen: Was sind eigentlich die Fahrrad-Klau-Hochburgen in Deutschland, Österreich und der Schweiz? Das erstaunliche Ergebnis: Nicht Berlin, Hamburg, Wien oder Zürich, sondern das architektonisch fein säuberlich herausgeputzte westfälische Studentenstädtchen Münster ist die Klau-Hochburg schlechthin. Gefolgt von der Schweizer Hauptstadt Bern, der Messe- und Industriestadt Basel sowie der stolzen alten Hansestadt Bremen. Das ermittelte das Verbraucherportal geld.de in einer umfangreichen Studie, für welche 60 Polizeidirektionen der größten Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz abgefragt wurden. Allein in diesen Städten wurden im erst jetzt statistisch komplett abgeschlossenen Jahr 2009 148.956 Fahrräder geklaut. Insgesamt kamen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr als 400.000 Fahrräder abhanden – bald eine halbe Million!

Während die Aufklärungsquote gestohlener Autos bei rund 30% liegt, ist sie bei Fahrrad-Diebstählen deutlich niedriger: Beispielsweise rund 11 Prozent in Deutschland. Als Grund hierfür sehen die Experten von geld.de einerseits zu schlampige Ermittlungsarbeit vieler Polizeibehörden, denen die Suche nach gestohlenen Fahrrädern zu aufwendig ist. Andererseits sind viele Fahrräder mit zu unsicheren Schlössern versehen, die innerhalb von Sekunden geknackt werden können. Besonders in kleineren Städten könnte die polizeiliche Aufklärungsarbeit deutlich besser sein, da das Räuber-Einzugsgebiet überschaubarer ist als in Großstädten.

Die Aufklärungsquoten sind allerdings nicht in allen Regionen schlecht und variieren stark – zwischen 36% in Magdeburg oder 32,6 in Wuppertal und mangelhaften 1,2% in Bern (Schweiz) oder 2,5% in Heidelberg und 3% in Wien. Eine Grund-Erkenntnis der Studie ist: Einmal mehr zeigt sich, dass es sich in Großstädten nicht unbedingt unsicherer lebt als in kleineren Städten.

Klau-Hochburgen

Beispiel Münster: Auf 100.000 Einwohner entfielen vergangenes Jahr 1971 gestohlene Fahrräder – an jedem Tag des Jahres trifft es absolut betrachtet 15 Besitzer. In keiner anderen Stadt in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gibt es so viele Langfinger wie in der herausgeputzten Studentenstadt: mit 218 Prozent liegt die Diebstahlquote über dem Klau-Durchschnitt aller anderen Städte. Dagegen gibt sich Berlin – gewiss keine Stadt des ewigen Friedens – geradezu handzahm. In der deutschen Hauptstadt werden drei Mal weniger Fahrräder je 100.000 Einwohner entwendet. Zweitstärkste Diebstahlhochburg ist die Schweizer Bundeshauptstadt Bern. Hier kamen vergangenes Jahr 1837 Fahrräder je 100.000 Einwohner abhanden, insgesamt 2.378 Velos – so der schweizerische Begriff für Fahrräder. Die weiteren Diebstahl-Hochburgen sind: Basel (ebenfalls Schweiz mit 1431 pro 100Tsd Einwohner), Bremen (1.332 pro 100Tsd Einwohner), Lübeck (1.287 pro 100Tsd), Magdeburg (1.245 pro 100Tsd), Graz (Österreich; 952 pro 100Tsd), Salzburg (Österreich; 937 pro 100Tsd), Cottbus (937 pro 100Tsd) und Freiburg i.B. (935 pro 100Tsd). Berücksichtigt man die Gesamtanzahl aller entwendeten Fahrräder in einer Stadt, sieht die Statistik etwas anders aus: Dann führt die Weltstadt Berlin mit 21689 gestohlenen Fahrrädern, gefolgt vom vornehmen Hamburg (12.997), dem zünftigen Wien (8.387), Köln (7.677), Bremen (7.290), München (6.217), Münster (5.398), Düsseldorf (4.776), Leipzig (4.001), Hannover (3.842) und der Bankerstadt Frankfurt a.M. (3.499).

Sicherste Städte

Die Fahrrad-sicherste Stadt Deutschlands ist laut geld.de-Studie übrigens Stuttgart. Dort werden mit -77% weniger nichtmotorisierte Zweiräder geklaut, als in allen anderen untersuchten 59 Städten. Die Hauptstadt des Schwabenländles verbuchte nur 145 Diebstähle pro 100.000 Einwohner. Ein Grund mag darin liegen, dass in der Stadt von Daimler und Porsche möglicherweise Autos bevorzugt werden. Sicher lebt es sich für Fahrrad-Liebhaber auch im schweizerischen Lugano (203 Diebstähle je 100Tsd Einwohner), Wuppertal (212 Diebstähle pro 100Tsd), Essen (222) oder Wiesbaden (223).

Es gibt nicht den klassischen Dieb

Da die Polizei den Studiendurchführenden nicht den ‚klassischen‘ Fahrrad-Räuber präsentieren konnte, versuchten sich die Forscher auf andere Art der Wahrheit möglicherweise etwas zu nähern. Einerseits wurde ein Blick auf die geografische Lage geworfen. Dabei interessierte: Werden in Städten die grenznah zum Beispiel zu Polen oder Tschechien liegen, wie in Dresden, Chemnitz oder Cottbus, überdurchschnittlich mehr Fahrräder geklaut als in anderen Städten? Die Antwort: Ein klares Nein.

Des Weiteren wurde untersucht, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen Armut und Diebstahl gibt. Anlass für diese Annahme war eine Äußerung der Polizei in Magdeburg, wonach Fahrrad-Diebe häufig aus ärmlichen Verhältnissen stammten. So sagte Sirko Eckert, Chef der Magdeburger Sonderermittler-Gruppe ‚Fahrrad‘: „Meist sind es Täter aus sozial schwachen Verhältnissen. Sie gehen keiner geregelten Arbeit nach.“ Deshalb nahmen die Studien-durchführenden als markantestes Kriterium für Armut die Anzahl der Sozialhilfeempfänger bzw. Hartz4-Empfänger zu Hilfe und ordneten diese jeweils den Städten zu. Dabei zeigte sich aber schnell und eindeutig: Zumindest in Bezug auf Fahrraddiebstähle gibt es auch hier keinen wissenschaftlich belegbaren Zusammenhang in allen untersuchten Städten. Beispiel Berlin: Hier leben 18,6 Prozent der Einwohner von Arbeitslosengeld oder Hartz4 – und trotzdem werden in der Stadt weniger Fahrräder je 100.000 Einwohner geklaut als in Münster, wo nur 8,3 Prozent auf Staatshilfe angewiesen sind. In Berlin liegt die Diebstahlquote mit 2 Prozent nur ganz leicht über dem Schnitt aller anderen 59 untersuchten Städte.

Nicht ganz so eindeutig ist die Situation in Hannover: Hier leben prozentual die meisten Menschen von Staatshilfe (24,1%; das entspricht 84,9% über dem Durchschnitt der anderen Städte!), dennoch liegt die Stadt mit 3842 geklauten Fahrrädern lediglich um 19 Prozent über dem deutschen Klau-Bundesdurchschnitt. Endgültig klar ist, dass es zwischen Armut und Kleinkriminalität keinen Zusammenhang geben muss, schaut man sich Saarbrücken an. Hier wurden 2009 insgesamt 404 Fahrräder der Polizei als gestohlen gemeldet. Damit liegt die Stadt um -63% sehr deutlich unter dem deutschen Bundesdurchschnitt. Dennoch: Saarbrücken ist mit einer Quote von 23,6% die Stadt in Deutschland, Österreich und der Schweiz, in der nach Hannover die meisten Menschen auf finanzielle Stütze angewiesen sind. Ein weiteres Beispiel ist Bonn: Mit einer Arbeitslosenquote im Jahr 2009 von 9,4 Prozent – eine der niedrigsten in Deutschland – gehört die Stadt mit 2.251 gestohlenen Fahrrädern ebenfalls zu einer Diebstahl-Hochburg. Auch das sächsische Chemnitz (14,8% leben dort von Staatshilfe) belegt klar einen nicht zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Armut und gestohlenen Fahrrädern (-61% unter dem Bundesdurchschnitt).

Weder Arme noch Studenten

Auf Grund dessen, dass die bekannte Studentenstadt Münster die meisten Fahrraddiebstähle je 100.000 Einwohner aufzeigt, wurde als drittes mögliches Täterprofil in der geld.de-Studie untersucht, ob möglicherweise in Städten mit einer hohen Anzahl an Studenten mehr Fahrräder geklaut werden. Zumal Fahrräder zu den Lieblings-Fortbewegungsmitteln von Studenten gehören. Das Ergebnis: Auch hier gibt es keinen kausalen Zusammenhang der über alle Regionen verteilt diese These stützen könnte. So weist die österreichische Stadt Innsbruck mit einem Bevölkerungsanteil von 24,1% die meisten Studenten in allen 60 untersuchten deutschsprachigen Städten auf (249,9% über dem Durchschnitt). Dennoch werden hier ‚lediglich‘ mit 14% überdurchschnittlich häufig Fahrräder geklaut. Endgültig ad acta muss die These „viele Studenten = viele gestohlene Fahrräder“ gelegt werden, schaut man sich das Städtchen Darmstadt an. Nach Innsbruck weist keine deutsche Stadt eine so hohe Anzahl an Studenten prozentual auf, wie Frankfurts graue Nachbarstadt: 22,3%. Dies entspricht einem Wert von 223,7% über dem Durchschnitt der Bevölkerung der anderen 59 untersuchten Städte. Dennoch werden in Darmstadt mit -37% zu einem Drittel weniger Fahrräder geklaut als in den anderen Städten. Ähnlich sieht es in Heidelberg aus: Obwohl auch hier fast jeder 5. Bewohner Student ist, liegt die Fahrrad-Diebstahlquote sogar -2% unter dem Durchschnitt aller anderen untersuchten Städte.

Aufklärungsquote schwankt zwischen 36% und 1,2%

Übrigens: In Deutschland beträgt die Aufklärungsquote bei Fahrrad-Diebstählen nur bei 11%. Allerdings sind die Unterschiede gewaltig. Die Gründe, warum in einigen Städten mehr Klau-Fahrräder den ursprünglichen Besitzern übergeben werden können, als in anderen Städten, sind vielfältig. Ein Grund liegt darin, dass viele Polizeibehörden Fahrraddiebstähle so gut wie gar nicht verfolgen. Nicht so in Magdeburg. Hier konnte die Aufklärungsquote erst dann nach oben getrieben werden (sie liegt heute bei 36,3%), als – einmalig in Deutschland – eine Sonderermittlungsgruppe „Fahrrad“ ins Leben gerufen wurde. Diese besteht aus sechs Mann, erklärt ihr Chef Sirko Eckert. Die Truppe tut nichts anderes, als gestohlene Fahrräder in entlegenen Kellern, Garagen und Wohnungen aufzuspüren. Im Laufe der Zeit habe man schließlich festgestellt: Es sind nicht immer Gangster-Gruppen, sondern häufig einzelne Personen, die Fahrräder stehlen, um sie anschließend zu verkaufen und von dem Geld beispielsweise Alkohol oder Drogen zu erstehen. Ähnlich gute Aufklärungsquoten wie Magdeburg weisen nur Wuppertal (32,6%), Erlangen (22,4), München (18,7), Potsdam (17,7), Augsburg (16,7), Duisburg (16,6), Ludwigshafen (16,1) oder Nürnberg (14,5) auf.

Miserable Ermittler und miese Schlösser

Am miserabelsten arbeiten die Polizeibehörden beim Thema Fahrradklau vor allem in der sonst so peniblen Schweiz. In Bern werden gerade einmal 1,2% der Diebstähle aufgeklärt. Zürich ist nicht viel besser (2,1%). Es folgen deutsche und österreichische Städte wie Heidelberg (2,5), Wien (Österreich; 3), Rostock (3,2), Linz (Österreich; 3,3), Salzburg (Österreich; 3,7), Innsbruck (Österreich; 3,8), Bremen (3,9) und Frankfurt a.M. (3,9). Als Gründe für schlechte Aufklärungsquoten gibt Elke Schönwald, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Mittelfranken, beispielsweise an: „Eine Spurensicherung ist beim Fahrraddiebstahl leider nur sehr schwer möglich.“ Dass überhaupt Fahrräder gestohlen werden, daran sei in vielen Fällen auch die Nachlässigkeit der Halter schuld, so Sirko Eckert, Leiter der Ermittlungsgruppe „Fahrräder“ in Magdeburg: „Beim Fahrradkauf wird richtig Geld investiert. Das Sicherheitsschloss ist dagegen meist eine 0815-Ausgabe.“ Viele Schlösser ließen sich sehr leicht mit Bolzen- oder Seitenschneidern öffnen. In 20 Sekunden sind billige Schlösser laut geld.de geknackt. Auch die oft praktizierte Codierung der Räder sei trotz landläufiger Meinung kein Diebstahlschutz.

Nord-Südgefälle in Deutschland

Auch beim Fahrrad-Klau gibt es das berühmt-berüchtigte Nord-Süd-Gefälle in Deutschland. Auf den ersten 5 Plätzen im „Klau-Ranking“ liegen nur Bundesländer nördlich vom Weser-Bergland. Apropos Weser: Was die Fußballer seit sechs Jahren nicht geschafft haben, gelingt dem Bundesland Bremen – Platz 1 bei Fahrrad-Diebstählen. Mit einer Quote von 1276 Diebstählen pro 100000 Einwohner ist der „Weserstaat“ der „Größte“. Insgesamt kamen in Bremen vergangenes Jahr 8435 Räder abhanden. Platz 2 geht an Hamburg. Die Freie- und Hansestadt bringt es mit über 1.7 Mio. Einwohnern auf eine Quote von 733 Rädern pro 100000 Einwohner. Platz 3 in der Negativwertung: Schleswig Holstein mit umgerechnet 704 gestohlenen Rädern pro 100000 Einwohner. Dann folgen Berlin (632 pro 100Tsd Einwohner), Brandenburg (624 pro 100Tsd), Sachsen-Anhalt (565 pro 100Tsd), Mecklenburg-Vorpommern (564 pro 100Tsd), Nordrhein-Westfalen (524 pro 100Tsd), Sachsen (315 pro 100Tsd), Baden-Württemberg (260 pro 100Tsd), Bayern (241 pro 100Tsd), Rheinland-Pfalz (213 pro 100Tsd), Thüringen (158 pro 100Tsd), das Saarland (101 pro 100Tsd) und Hessen (lediglich 51 pro 100Tsd). Der deutsche Bundesdurchschnitt liegt bei 407 geklauten Fahrrädern pro 100Tsd Einwohnern.

Tipps vom Experten

Geld.de empfiehlt: „Man muss es dem Dieb so schwer wie möglich machen. Wenn das Schloss schwierig zu knacken ist, lässt er die Hände davon“, so Friedrich Wiedemann von geld.de. Wiedemann rät, dass Fahrräder besonders über Nacht im Keller oder in der Garage an festen Gegenständen gesichert werden. Außerdem empfiehlt das Verbraucherportal geld.de in der Hausratsversicherung grundsätzlich einen Fahrrad-Diebstahlschutz mit zu integrieren (http://www.geld.de/hausratversicherung.html). Das mache den Diebstahl dann nicht ganz so schmerzlich. Diebstahlgeplagte Münsteraner könnten beispielsweise für bereits 81,39 Euro im Jahr eine solche Versicherung abschließen. Wie bei Kfz-Versicherungen gilt auch für die Hausratsversicherung: Je weniger Schaden, desto niedriger der Beitrag. Im sicheren Stuttgart zahlt man für die gleiche Versicherungsleistung nur 70,29 Euro.

 

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